Motivationale Orientierung
Montag, 10. November 2008 – 18:21 Uhr
Dies ist ein Beitrag des Blogthemas »Lernmotivation und Beratung«.
Diese Woche geht es darum, die im Kolloquium gefundenen möglichen Antworten zur Förderung der Lernzielorientierung auf das eigene Fach anzuwenden. Ich orientiere mich dabei an den Fragen, die innerhalb des Kolloquiums in Gruppen bearbeitet wurden und versuche, Lösungen für den Französisch- und Geographieunterricht zu finden.
Vorweg: Man unterscheidet allgemein zwischen Lernzielorientierung und Leistungszielorientierung. Ist man lernzielorientiert, dies sind vornehmlich Kinder, zielt die Beschäftigung vornehmlich darauf ab, neue Fähig- und Fertigkeiten zu erwerben. Man ist bemüht, ständig die Kompetenzen zu steigern. Leistungen werden nach einer individuellen Bezugsnorm bewertet (War ich früher besser oder habe ich Fortschritte gemacht?). Mit zunehmendem Alter gewinnt der Vergleich mit Anderen an Bedeutung: Die Schüler werden leistungszielorientiert und sind bemüht, ständig eigene Stärken zu zeigen. Für sie zählt nicht mehr, ob sie Fortschritte beim Kompetenzerwerb gemacht haben, sondern wie sie im Vergleich zu den anderen dastehen.
(I) Welche diagnostischen Informationen kann man im Lernraum erhalten, die man im Leistungsraum nicht bekommt?
Im Lernraum kann man eine Vielzahl an diagnostischen Informationen erhalten, von denen mir am wichtigsten die (a) individuelle Stärken und Schwächen, die (b) motivationale Orientierung sowie die (c) Kenntnis und Anwendung von Lern- und Problemlösestrategien sind.
Bedenkend, dass ich meine zukünftigen Schüler zu lebenslangem Lernen ermutigen möchte, ist es mir wichtig, dass sie Lust daran entwickeln, neue Kompetenzen zu erwerben, das heißt, dass sie eine Lernzielorientierung entwickeln sollen, die sich auch positiv auf die Selbstwirksamkeit der Schüler auswirkt.
Einen Einblick in die individuellen Stärken und Schwächen erlaubt mir, mein Unterricht besser an den Schülern anzupassen und ggf. individuelle Angebote bereitzustellen, um Stärken zu fördern und Schwächen ggf. durch Vermittlung weiterer Strategien auszugleichen.
Im Bereich Französisch fallen mir spontan diverse Strategien zum Wortschatzerwerb ein. Viele Schüler lernen Vokabeln auf eine sehr ineffektive Art und Weise, was nicht förderlich für das lange Behalten ist. Durch gezielte Angebote in der Lernphase kann ich jedoch individuellen Strategiedefiziten »bekämpfen«.
(II) Wie kann man sicherstellen, dass die Trennung von Lern- und Leistungsräumen von den Schülern auch wahrgenommen wird?
Ich habe mir vorgenommen, grundsätzlich im Lernraum zu unterrichten. Da auch Leistungen erfasst werden müssen, wird es ab und zu Tests, etwa topografischer Natur, geben. Schwierig wird es bei Bewertungen für die mündliche Mitarbeit bzw. für mündliche Prüfung innerhalb des regulären Unterrichtsgeschehens. Ich denke nicht, dass ich immer einen Wechsel (für einen Schüler) zum Leistungsraum explizit machen werde, denn ich will den Schüler auch nicht unnötig unter Stress setzen (»Du bist jetzt dran!«).
(III) Wie kann man sicherstellen, dass sich Schüler im Lernraum nicht »zurücklehnen«.
Indem alle Schüler wissen, was sie tun müssen, dabei handelt es sich um ein individualisiertes Programm etwa in Form eines Wochenplans, vermeidet man, dass sich einige »zurücklehnen«. Diese Individualisierung kann sowohl die Quantität als auch die Qualität der zu erledigenden Aufgaben betreffen. Bezogen auf den Französischunterricht kann eine Übung für starke Lerner in Maßen zusätzliche Vokabeln enthalten oder auf Lenkungen durch den Lehrer verzichten. Bei beispielsweise einer deduktiven Erarbeitung der Position von Adjektiven könnte auf dem Arbeitsblatt für »durchschnittliche« Lerner eine Tabelle sein, in die die Adjektive, je nach Position (vor bzw. nach dem Nomen) eingetragen werden, wodurch Aufmerksamkeit der Lerner auf die Position gelenkt wird. Ein entsprechender Hinweis könnte auf dem Arbeitsblatt für starke Lerner fehlen.
(IV) Wenn Schüler Fehler im Lernraum machen, welche Rückmeldungen und Reaktionen durch die Lehrkraft sind günstig und ungünstig für eine Lernzielorientierung?
Günstig ist es, wenn die Kritik individuell und präzise erfolgt und Fehler als Lernanstöße aufgefasst werden. In diesem Sinne erachte ich es als sinnvoll, bei einer Klassenarbeit den Schüler auf einen konkreten Bereich, in dem noch Verbesserungsbedarf besteht, hinzuweisen und ihm anzubieten, ihn bei der Überwindung des Kompetenzmangels zu unterstützen. Durch das Setzen von Nahzielen ist zu erwarten, dass Defizite systematisch aufgeholt werden können.
Um eine Leistungszielorientierung zu vermeiden, werde ich auf eine Rückmeldung ausschließlich in Form von Noten verzichten, ebenso auf Notenspiegel, die abgesehen von Schülerleistungsvergleichen keine Funktion erfüllen. Mit schlechten Noten zu drohen und Fehler öffentlich anzuprangern, sodass der Schüler bloßgestellt wird, sind ebenfalls Verhalten, die ich vermeiden möchte.
(V) Wie kann man vermeiden, dass man im Lernraum doch Noten gibt? Was tun, wenn Schüler solche Bewertungen einfordern?
Im Fach Französisch werde ich mich dafür einsetzen, bei den Schülern ein Bewusstsein zu schaffen, dass der Erwerb einer Fremdsprache seine Zeit benötigt und nicht permanent benotet werden kann. Es gibt »Erwerbssequenzen«, bei denen bestimmte Fehler unweigerlich auftreten. Auch muss neuer Wortschatz eingeübt werden und kann nicht gleich nach dem ersten Kontakt frei verwendet werden, dazwischen vergeht eine sogenannte Inkubationszeit. Die genannten Phasen sind beim Fremdsprachenerwerb essenziell, eine permanente Benotung wäre nur abträglich.
Motivatiowas?
Erwerbssequenzen.
Bezugsnorm.
Julius, ich glaube, mit Dir kann ich nie wieder unbefangen eine Brause schlürfen gehen.
Halt! Inkubationszeit.Das kenn’ ich! “Drei Tage war der Frosch jetzt krank, nun raucht er wieder – Gott sei Dank!” (Wilhelm Busch)
(Jaja, ich weiß – die Bedeutung ist eine andere. Bin ja nicht GANZ blöd! Nur ein bisschen…)