Julius’ Blog

Ich, ganz subjektiv.

Volksentscheid »Pro Reli« – FAQ

Sonntag, 18. Januar 2009 – 16:33 Uhr

Schnellnavigation: ProKontraJulius’ MeinungLinks»Ja« oder »Nein«?

Am Sonntag, dem 26. April 2009, findet in Berlin der Volksentscheid »Pro Reli« statt. Höchste Zeit, die wichtigsten Pro- und Kontra-Punkte zusammenzufassen.

Was wird gefordert?

Der Verein Pro Reli e. V. fordert die Einführung des Wahlpflichtbereichs Ethik/Religion. Eltern sollen bestimmen können, ob ihr Kind am Ethik- oder Religionsunterricht teilnimmt; ab dem 14. Lebensjahr können die Kinder selbst bestimmen.

Wie sieht die momentante Situation aus?

In Berlin wurde 2006 das für alle verpflichtende Fach Ethik eingeführt. Es ist neben Brandenburg - hier wird seit 1996 LER angeboten - das einzige Bundesland, in dem Religion kein ordentliches Unterrichtsfach ist.

Welche Argumente sprechen für die Wahlfreiheit?

Die Initiatoren nennen auf Ihrer Website sechs Gründe.

(1 – Freie Wahl) Sie wünschen sich, dass jeder frei wählen darf: Zwischen Ethik, evangelischer, katholischer, islamischer und jüdischer Religion oder Weltanschauungsunterricht.
Bisher müssen alle Ethik machen und jeder kann freiwillig den Religionsunterricht besuchen. Die Einführung eines Wahlpflichtbereiches Ethik/Religion bedeutet, dass für viele Schüler wichtige gesellschaftliche und soziale Fragestellungen nicht mehr interkonfessionell behandelt werden, sondern nur noch aus der jeweiligen religiösen Perspektive. Interessanterweise fordern die Initiatoren keinen Unterricht für die Religionsgemeinschaft »Zeugen Jehovas in Deutschland e. V.«. Auch halte ich die Beschränkung auf wenige Religionen angesichts der Vielfalt für bevormundend.

(2 – GG: Reli ordentliches Lehrfach) Die Initiatoren berufen sich auf Artikel 7 des Grundgesetzes, der Religionsunterricht als ordentliches Lehrfach in öffentlichen Schule mit Ausnahme der bekenntnisfreien Schulen vorsieht.
Für Berlin gilt allerdings die Bremer Klausel (Artikel 141 GG). Das bedeutet, dass bereits vor dem 1. Januar 1949 eine von Artikel 7 abweichende Regelung bestand, sodass in Berlin auch heute Religion kein ordentliches Lehrfach ist.

(3 + 4 – Glauben festigen) Sie sind zudem der Ansicht, dass die Wahlfreiheit der kulturellen Vielfalt gerecht wird. Dass ein jeder etwas über den eigenen Glauben und die eigene Weltanschauung wisse, sei Voraussetzung für Respekt und Toleranz gegenüber Anderen.
Ich bezweifle stark, dass die Festigung des eigenen Glaubens wirklich zu mehr Respekt und Toleranz beiträgt. Ein interkonfessioneller Ethikunterricht ist gerade angesichts der Vielfalt organisierter Weltanschauungen in Berlin viel wichtiger.

(5 – Reli bereits in der Grundschule) Der Werteunterricht soll nicht erst ab der Oberschule verpflichtend sein, sondern bereits in der Grundschule. »Kinder brauchen so früh wie möglich Orientierung.«
Grundsätzlich begrüße ich die Idee, bereits in der Grundschule Werte zu thematisieren. Die Forderung nach Religionsunterricht in der Grundschule ist jedoch eine Bankrotterklärung der Religionsgemeinschaften. Sie zeugt für mich schlicht und einfach vom Unvermögen, ansprechende Angebote für junge Mitglieder zu gestalten und diese damit an sich zu binden. Es darf nicht die Aufgabe des Staates sein, dieses Unvermögen zu kompensieren.

(6 – dem Senat eins auswischen) Im letzen Grund weisen die Initiatoren darauf hin, dass der Senat diesmal an das Ergebnis gebunden ist.
Das ist wohl eines der bescheuersten Argumente, die man hätte finden können, denn es hat rein gar nichts mit dem Inhalt des Volksbegehrens zu tun.

Welche Argumente sprechen gegen »Pro Reli«?

Auch innerhalb der cristlichen Kirchen mehreren sich die Stimmen gegen das Volksbegehren. Dabei stehen folgende Argumente im Vordergrund:

(Separisierung + Parallelgesellschaft) Berlin ist eine multikulturell geprägte Stadt, 42,7 % der 6- bis 14-Jährigen haben einen Migrationshintergrund.
Der katholische Theologe Josef Göbel erklärt der Berliner Zeitung gegenüber: »Bei einer Wahl zwischen Religion und Ethik werden junge Menschen aus unterschiedlichen religiösen und kulturellen Traditionen bei zentralen Lebensthemen in homogene Gruppen aufgeteilt«. Er spricht von einer drohenden Gefahr der Separierung der Kinder und Jugendlichen in staatlichen Schulen.
Der pensionierte Pfarrer Hans Simon warnt in der TAZ davor, durch die Trennung Parallelgesellschaften zu fördern.
Auch 50 Theologen der Organisation Christen pro Ethik stellen hierzu fest: »Dass ausgerechnet ein separierender Religionsunterricht der Tendenz zu Parallelgesellschaften in der Bevölkerung entgegenwirken soll, ist uns nicht nachvollziehbar.« (Berliner Zeitung)

(Gegen Vorurteile) Dem Ethikunterricht kommt, so Simon, eine besondere Bedeutung in der Erziehung zu einer Dialogkultur zu. Denn er ist ausdrücklich dafür da, kulturelle Unterschiede zu thematisieren. Im Religionsunterricht besteht die Gefahr, dass Vorurteile vielmehr verfestigt denn ausgräumt werden.

(wer etwas über seinen Glauben erfahren will, geht in den freiwilligen Religionsunterricht) Dass seit Einführung des Fachs Ethik sich viele Schüler vom freiwilligen Religionsunterricht abgemeldet haben, ist für den pensionierten Pfarrer Simon vor allem eine Frage der Qualität des Unterrichts. Wem tatsächlich etwas daran liegt, etwas über seinen eigenen Glauben zu erfahren, kann den freiwilligen Religionsunterricht besuchen.

Welche Position hat Julius zum Thema?

Ich bin der Auffassung, dass Kinder unabhängig von ihrer konfessionellen Zugehörigkeit gemeinsam über Werte unserer Gesellschaft diskutieren sollten. Der Ethikunterricht bietet den Schülerinnen und Schülern eine Chance, verschiedene Blickwinkel kennen zu lernen und zu hinterfragen. Zudem fördert er die interkulturelle Kompetenz, die in einer multikulturellen Stadt wie Berlin für ein gutes Miteinander unabdingbar ist.

Ich befürworte daher die Beibehaltung eines verpflichtenden Ethikunterrichts und freiwillgen Religionsunterrichts. Ich lehne die Initiative »Pro Reli« entschieden ab und werde mit »Nein« stimmen.

Und ihr, wie ist eure Meinung?

Alle Blog-Beiträge zum Volksentscheid.

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18 Reaktionen

  1. Toni

    22. Januar 2009 – 11:47 Uhr (#5094)

    Pro-Reli ist eine scheinheilige Aktion mit verklärten Argumenten. Einziger Antrieb scheint die Angst der Kirche vor einer gottlosen Gesellschaft zu sein.

  2. der Berliner

    24. Januar 2009 – 19:21 Uhr (#5115)

    Hallo Julius,

    ich teile deine Haltung zu dem Thema.

    Eine Integration in die Gesellschaft ist auch von einem kritischen Umgang mit dogmatischen Glaubensinhalten abhängig.

    Ich werde zum Volksentscheid gehen, um ausdrücklich gegen die Pro-Reli Gesetzesvorlage zu stimmen.

    Gruß
    der Berliner

    P.S.: Als Contra-Link könntest du evtl. noch den der Initiative Pro-Ethik aufnehmen:
    http://proethik.humanistische-union.de/start/

  3. Julius

    25. Januar 2009 – 09:01 Uhr (#5121)

    Danke für den Linktipp!

  4. Sebastian

    1. April 2009 – 18:35 Uhr (#5565)

    Dass der einheitliche Ethikunterricht “neutral” sein soll, ist aber ebenso eine Illusion. Nach meiner eigenen Erfahrung als früheren Schulzeiten wird im Religionsunterricht sehr viel über andere Religionen gesprochen, ohne dass das despektierlich stattfindet.

    Wenn ich mir vorstelle, dass gerade im Osten atheistische ehemalige Staatsbürgerkundelehrer Ethik unterrichten sollen, wird mir schlecht. Die alten Prediger von Marx, Engels und Lenin heute als Aufklärer über Religionen – unfassbar.

    Ich würde mir ein JA zu Pro Reli wünschen. “Wahlzwang” ist immer noch besser als Zwang ohne jede Wahl. Diejenigen, die sich von einem Ethiklehrer unterrichten lassen wollen, sollen es tun können; diejenigen, die einen kompetenten Religionslehrer vor sich haben möchten, aber genauso.

  5. Julius

    1. April 2009 – 18:42 Uhr (#5566)

    Das ist doch Quatsch mit Soße. Um in Berlin Ethik unterrichten zu können, muss man eine Weiterbildung absolviert haben. Das unterrichtet man nicht einfach so, weil man vor 20 Jahren mal Staatsbürgerkundelehrer war.

    Nebenbei gesagt: Es ist schön, dass du einen guten Religionsunterricht hattest. Ich habe auch schon gegenteilige Meinungen gehört, dass auch heute noch Sonntagsschulstil gepflegt wird.

    Unabhängig davon muss man sich fragen, ob Religionsunterricht in einer Stadt wie Berlin überhaupt noch sinnvoll und zeitgemäß ist oder ob man nicht der gesellschaftlichen Realität Rechnung tragen will und ein interkonfessionelles Angebot schafft, in dem alle Schüler gemeinsam über Werte diskutieren, die in unserer Gesellschaft wichtig sind.

  6. christian

    1. April 2009 – 22:14 Uhr (#5568)

    was tun, wenn man pro reli scheitern lassen will? nicht hingehen, damit das quorum verfehlt wird oder hingehen und mit nein stimmen?

  7. Julius

    2. April 2009 – 09:34 Uhr (#5570)

    Wenn man Pro Reli scheitern lassen will, muss man auf jeden Fall mit »Nein« stimmen. Nicht hinzugehen nützt nichts.

    Pro Reli ist gemäß § 36 Absatz 1 Abstimmungsgesetz erfolgreich, wenn die »Mehrheit der Teilnehmer und Teilnehmerinnen und zugleich mindestens ein Viertel der Stimmberechtigten zustimmt.«

    Rechnerisch reicht es für Pro Reli also aus, wenn nur 25 % hingehen und alle »Ja« stimmen.

    Da erfahrungsgemäß die Befürworter eines Volksentscheides leichter zu motivieren sind, kann es durchaus sein, dass geforderte Anzahl an Ja-Stimmen zusammenkommt. Deshalb zählt für die Gegener jede Nein-Stimme!

    Wer am 26. April verhindert sein wird oder sich die Möglichkeit offen halten will, spontan raus ins Grüne zu fahren, sollte auf jeden Fall schon vorab Briefwahl beantragen oder direkt in seinem Bezirkswahlamt wählen!

  8. Sebastian

    2. April 2009 – 12:49 Uhr (#5571)

    Ja, und eben diese Weiterbildung haben meines Wissens viele ehemalige Staatsbürgerkundelehrer absolviert. Es ist ohnehin schon sehr fraglich, ob eine Weiterbildung die gleiche Kompetenz liefern kann wie ein fundiertes fachbezogenes Hochschulstudium.

    Trotzdem frage ich mich ganz ehrlich, wo das Problem ist, dass man Menschen einfach mal die Wahl lassen möchte. Es geht doch nicht um zeitgemäß oder nicht, sondern darum, dass man denjenigen, die gerne den in deinen Augen unzeitgemäßen Unterricht wünschen, dies auch zubilligt, ohne dass das zum Unterricht zweiter Klasse degradiert wird.

    Es gibt im Übrigen guten und schlechten Religionsunterricht, da hast du recht – aber genauso wird es schlechten (und auch guten) Ethik-Unterricht geben.

    Aber mach dir keine Sorgen:
    Ich fürchte (andere hoffen es), dass Pro Reli am geforderten Mindestquorum scheitert.

  9. Lille

    8. April 2009 – 22:41 Uhr (#5613)

    Dubioser Verein. Bin gerade auf das hier gestossen: http://weltende.wordpress.com/2009/04/06/pro-reli-und-die-landser/

  10. Ronald

    9. April 2009 – 13:39 Uhr (#5622)

    Das Thema allgemein, hat in den letzten Tagen viele Medien veranlasst darüber zu berichten. Generell gesehen ist es wichtig, dass in den Schulen nicht mehr nur über Heterosexualität informiert wird. Die Aufklärung der Jugendlichen ist wichtig, schon allein um Vorurteile gegenüber Sexuell-Anders-Orientierten abbauen zu können.
    Die Diskussion um Religions- und Ethikunterricht ist dabei vollkommen überflüssig.
    Die Diskriminierung begenet uns doch auch in alles Lebensbereichen, warum also die schulische Aufklärung auf ein Unterrichtsfach begrenzen?

    Anmerkung: Ich habe mir die Freiheit genommen, den Namen des Kommentatoren zu ändern und die angegebene Internetadresse zu entfernen, da ich keine Werbung für Kontaktportale mag. JB

  11. Julius

    9. April 2009 – 13:49 Uhr (#5623)

    @Ronald
    Es gibt so viele Werte, die eine Gesellschaft und auch die Schule vermitteln muss. Respekt gegenüber sexuell anders Orientierten gehört dazu.

    Allerdings finde ich es etwas kurz gegriffen, Wertevermittlung in der Schule auf Nichtdiskriminierung zu reduzieren, die in allen Fächern stattfinden sollte und damit die Diskussion über Religions- oder Ehtikunterricht für überflüssig zu erklären.

    Ethik ist für die Diskussion über Werte, für die in anderen Fächern nur wenig Zeit bleibt, ein wichtiges Fach, das durch freiwilligen Religionsunterricht ergänzt wird, der Werte eher unter einem kulturell geprägteren Gesichtspunkt betrachtet.

  12. el mamo

    10. April 2009 – 11:11 Uhr (#5625)

    Das Grundthema ist für mich die Frage einer strikten Trennung zwischen Staat und Kirche. Der Staat sollte mit dem Ethikunterricht Werte vermitteln, und zwar ganz normale menschliche Werte. Bedenklich finde ich, dass allein die Kirche glaubt, Werte vermitteln zu können. Das ist keinesfalls richtig. Werte und Religion sollten nicht vermischt werden. Werte gehen jedermann an, Religion ist Privatsache und gehört nicht in die Schulen. Die Schulen verpflichten zu wollen, Religion für jede Konfession unterrichten zu müssen, ist grundfalsch. Religion und Ethik als gleichwertige Unterrichtsfächer zu behandeln, ebenfalls.

  13. nica

    17. April 2009 – 16:11 Uhr (#5682)

  14. carla

    21. April 2009 – 10:08 Uhr (#5725)

    Ich bin ebenfalls der Ansicht, dass Religion Privatsache ist und außerhalb eines rein freiwilligen Angebots nicht an eine öffentliche Schule gehört.

    Allerdings ist mir nicht klar, warum ich dann überhaupt zur Abstimmung gehen muss.
    Gehe ich hin, ist ein Stimmberechtigter mehr hingegangen. Mit meiner “Nein”- Stimme hebt sich das doch wohl wieder auf, oder?

    Auch sind die Formulierungen der Antragsteller oft mehr als verwirrend:

    Pro-Reli wirbt doch mit “Ja-zur Wahlfreiheit” was an und für sich schon irreführend ist, da Religion dann zum WahlPFLICHTfach wird. Also muss ich wohl mit “Nein-zur Wahlfreiheit” stimmen.

    So kann man auch Stimmen fangen…

  15. Julius

    21. April 2009 – 10:44 Uhr (#5726)

    Carla, wenn du gegen Pro Reli bist und dies auch ausdrücken willst, musst du auf jeden Fall abstimmen gehen. Umso mehr Nein-Stimmen, desto besser für das Lager derer, die Ethik für alle beibehalten wollen.

    Denn es ist nicht unwahrscheinlich, dass die Initiatoren des WahlPFLICHTfaches Religion genug Leute mobilisieren, sodass 25 % aller Stimmberechtigten mit Ja stimmen. Nun kommt es darauf an, dass auch genug Gegner mobilisiert werden, damit die Befürworter nicht auch noch 50 % aller Abstimmenden erreichen.

  16. Volksentscheid »Pro Reli«: »Ja« oder »Nein« - Julius’ Blog

    21. April 2009 – 11:13 Uhr (#5727)

    [...] sind viele Berliner auch kurz vor dem Volksentscheid am kommenden Sonntag nicht ausreichend informiert. Die Wahlwerbung von »Pro Reli« desinformiert [...]

  17. Carla

    21. April 2009 – 14:43 Uhr (#5729)

    Na, dann werde ich mich wohl oder übel am Sonntag ins Wahlbüro quälen :-( und mein Kreuzchen beim “Nein” setzen :-)

    Danke für die Infos

  18. »Pro Reli« - Berlin hat die Wahl - Julius’ Blog

    26. April 2009 – 00:02 Uhr (#5753)

    [...] Alle Argumente habe ich in einer FAQ zusammengestellt. In dieser FAQ wird auch deutlich, warum es sich bei der Abstimmung um eine wichtige Wahl handelt. [...]

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