Uni-Streik: Bulimielernen
Freitag, 13. November 2009 – 18:16 Uhr
Derzeit werden bundesweit wieder die Hochschulen bestreikt. Hauptsächlich geht es gegen den Bologna-Prozess, der uns an den Universitäten die neuen Studienabschlüsse Bachelor und Master beschert hat.
Diese Studiengänge sind modularisiert, am Ende jedes Moduls steht eine Modulabschlussprüfung. Das kann eine Klausur, ein Portfolio, eine wissenschaftliche Hausarbeit, eine Präsentation, ein mündliche Prüfung und vieles mehr sein. Die Noten dieser Prüfungen bilden gemeinsam mit der Bachelor- bzw. Masterarbeit die Abschlussnote.
Die Noten sind also wichtig, entsprechend muss man für die Prüfungen lernen. Bei den üblichen vier bis fünf Prüfungen am Ende des Semesters kommt schnell so einiges an Stoff zusammen.
Damit verbunden ist auch einer der Hauptkritikpunkte der Demonstrantinnen und Demonstranten: Das Bulimielernen. Man lernt kurzfristig und erbricht in der Klausur sein Wissen. Wie der Magen einer bzw. eines Ess-Gestörten ist der Kopf danach leer, man hat immerhin nicht den unangenehmen Nachgeschmack.
Bulimielernen ist allerdings alles andere als eine Frage des Studiengangs (Diplom vs. Bachelor/Master). Es ist eine Frage des eigenen Engagements. Jede Studentin und jeder Student muss für sich entscheiden, ob und wie intensiv die prüfungsrelevanten Veranstaltungen vor- bzw. nachbereitet werden. Natürlich kostet das neben dem Besuch der eigentlich Veranstaltung Zeit, doch diese Zeit wird einem als »Workload« anerkannt. Für eine Vorlesung in der Romanistik erhält man in der Regel 3 Studienpunkte, dies entspricht einem Workload von 90 Zeitstunden (3 x 30 h). Ein Studienpunkt entfällt auf die Anwesenheit in der Vorlesung (2 h pro Woche bei 15 Semesterwochen), jeweils ein Punkt auf die Vor- und Nachbereitung. Schreibt man zur Vorlesung eine Klausur, wird diese ebenfalls mit einem Workload von 30 h anerkannt. 90 Minuten davon schreibt man die Klausur, der Rest dient der Vorbereitung. Die wenigsten Module reizen den ihn zustehenden Workload tatsächlich aus.
Die Vor- und Nachbereitungszeit muss man nun investieren, sich regelmäßig mit dem Thema beschäftigen und schon langfristig lernen. Klar, der ein oder andere mag arbeiten müssen, aber man muss auch bedenken, dass man vorrangig Student(in) ist. Das soll nicht heißen, dass man nur studieren soll, wenn man die Mittel hat. Ich bin sehr dafür, dass die finanzielle Unterstützung von Studierenden massiv ausgebaut wird. Dafür sollte man demonstrieren. Aber man kann nicht dagegen demonstrieren, dass Studieren auch ein selbstständiges Studium erfordert.
Ein nicht geringer Teil versteckt sich nur hinter den ach so schlimmen Bedingungen. Kommilitoninnen und Kommilitonen von der faulen Sorte, die alles vor sich hinschieben und dann am Semesterende die große Überraschung erleben, gibt es leider in sehr großer Zahl.
Hier muss man ganz klar sagen: Wer nicht der Auffassung ist, seinem Studium die Wichtigkeit beizumessen, die es haben sollte, der soll sich nicht wundern, dass er nach dem Reinhämmern kurz vor der Klausur gleich wieder alles vergessen hat. Es ist eine persönliche Entscheidung, die jeder für sich fällen muss. Wenn man sich fürs Bulimielernen entscheidet, darf man nicht über den Studiengang meckern. Denn anders gelernt hätte man beim alten Studiengang auch nicht. Bologna hin oder her.